Die Wanderung
Malerei
Caroline Kober / Henrik Pillwitz
Rede zur Ausstellungseröffnung, 22.1.2005

Dr. Ina Gille

Zwei Künstler. Zwei Werke. Ein Mann und eine Frau. Eine Wanderung. Beide kommen aus Leipzig, geboren im gleichen Jahr, studiert an der gleichen Hochschule. Caroline Kober studierte vor 89, Henrik Pillwitz nach 89. Leipziger Schule, das ja, aber alte oder neue? Etwa dazwischen? Zu alt für die Neue und zu jung für die Alte? Von den Sortierungen des Marktes her gesehen vielleicht. Aber der sortiert sich eh immer schneller um, wer weiß. Entscheidend sind die künstlerischen Leistungen, ist die Intensität des Arbeitens, die Kraft standzuhalten, sich Zeit zu nehmen, das unverwechselbar Eigene zu finden, eine künstlerische Landschaft zu formen; die andere Art der Erkenntnis. Widerstand gegen all das schreiende Bildmaterial des Alltags, Auseinandersetzung mit ihm. Und die immer wieder neue Suche nach dem, was Kunst ist, was sie kann, was sie soll, wie und wo sie zu verorten wäre. Wandern, nicht Rennen. Wobei Wandern bei den zwei hier Ausstellenden nichts mit deutschem Gemüt und Wald zu tun hat, keine sentimentale Tannenzapfenromantik meint. Es bedeutet Konzentration, Versenkung, Sehen und Erfahren. Zwei auf unterschiedliche Weise weit ins Innere getriebene Werke begegnen sich, ziehen je eigene Kreise, stecken Grenzen ab und bleiben offen für andere Begegnungen. Unspektakulär, fast stur, beide Künstler, konzentrieren sie sich auf ihre eigenen Erfahrungen.

Da ist Caroline Kober mit ihren bis zu den Rändern hin ausgeschriebenen Farbblättern. Subtile Selbstbefragungen, die sich hermetisch verschließen und dennoch offen bleiben, sich an ein Gegenüber wenden. Zarte Schichten von Farbe, meist Acryl, tonig gedämpft, ab und an in leuchtenden Kontrasten, bedecken die Flächen, sinken in die Papiergründe ein. Wieder übermalt, verwischt, können sie zu wolkigen Formationen gerinnen oder Durchsichten in Tiefenräume öffnen. Gespinste, verlorene Illusionen, erneuerte Hoffnungen breiten sich mit ihnen aus.

Hier hinein zeichnet die Künstlerin in klassisch klarer Linienführung, mit spitzem Pinsel, meist schwarz, Köpfe, Gesichter, und Körper, die auf den gemalten Gründen verharren oder sie, nach erneutem Übermalen durchtreiben, auch im Ungefähren wieder verschwinden können. Die Größen unterliegen keiner zentralen Perspektive, sie springen von groß nach klein, fast launig scheint es. Da taucht ein Kopf groß auf, der kleine Körper verliert sich anderswo im Geviert des Blattes. Ein weiteres Blatt läßt einen Körper in einen Kopf hineintreiben, vielleicht auch verschwindet er nur in einer anderen Ebene. Wieder andere Körperteile scheinen fortzufliegen oder sich in Früchte zu verwandeln…

Assoziatives Fragen, vorsichtiges Andeuten: Wer bin ich…wer bist du… kannst du mir nahe kommen… oder will ich es nicht... hat es dich zerrissen… ich bleibe ganz… komm her… geh fort... Phragmentierungen, Verdichtungen. Erzählt wird nicht, wir können höchstens Wortfetzen vernehmen, Rufe, Flüstern und Raunen: Ich strecke die Arme in den Raum. Kann ich mich selbst zur Welt bringen? Was ist mein Raum, mein Ort, oder bleibe ich bodenlos, all dem um mich herum heillos preisgegeben? Gibt es mich überhaupt? Und wer bist Du? Kann ich dich erreichen? Willst du es, will ich es? Sei mir nah! Weiche von mir! Nimm meine Hand, eine treibende Blüte. Halt still, kehr mir dein Gesicht zu, dieser Kopf muss reichen...

Ab und an direkt eine Hand- oder Fußspur der Künstlerin. Nachdrücklich gesetzte nackte Füße; sie ist darübergelaufen, hat zugefasst, ist stehengeblieben, weitergegangen, hat nachgefragt.

Was bezahlt man, was bezahlt Frau dafür, wenn sie künstlerisch arbeitet, wie hoch ist der Preis? Caroline Kobers Blätter zu Eurydike, zu der, die von Orpheus hätte wieder zum Leben erweckt werden können, wenn er sich nicht umgesehen hätte, wie der Mythos sagt in übermächtiger Liebe, kreisen solche Fragen ein, leise, wie angeweht von Schmerz. Als Orpheus durch die Macht seines Gesanges die Götter, die Finsternis bezwungen hatte, was hat er dabei erfahren? Hätte er danach -neben Eurydike-, noch so singen können? Kann er sie nach einem solchen Erlebnis überhaupt zurückgehabt haben wollen, musste er sie nicht wieder zurückschicken ins Reich der Toten, bewusst und nicht sehnsuchtstoll?

Die Künstlerin schlüpft mit ihren Arbeiten in Orpheus´ Gewand, wird selbst zu Orpheus, kann singen, ist somit seiner Versuchung ausgesetzt und bleibt zugleich Eurydike. Was opfere ich für meine Kunst, wie weit gehe ich. Verhaltenes Fragen, vorsichtig. Auf den Blättern stehen sich beide Figuren gegenüber, beinahe wie Geschwister, eines der Spiegel des anderen und manchmal leuchtet es zwischen ihnen Rot oder Schwarz auf, wie eine nicht zu überbrückende Distanz… Gratwanderungen, die Antworten werden nie direkt greifbar, kaum glaubt man sie gefunden zu haben, sinken sie in die Blätter zurück, verklingen, Schwebezustände. Sicher bleibt nur; hier singt eine Künstlerin ihr eigenes Lied, assoziiert es in Farben und Formen, poetische Wanderungen auf dem Papier.

Daneben der Sänger Henrik Pillwitz, ein Sammler und Sucher, der die äußeren Erscheinungen bändigt in Segmenten und Formationen, in Rastern und sich fügenden Ordnungen, der vordringen will in die Mikrowelt des Sichtbaren, sie zu zerlegen ohne das Phantastische preiszugeben, im Gegenteil es neu zu finden, zu erfinden, auf anderer Ebene. Ein naturwissenschaftlicher Blick haftet seinen Arbeiten an, einer der fast kühl nach inneren Zusammenhängen forscht, in diesem Sinn focussiert und ordnet. Doch dieser Blick wird immer wieder gebrochen von Ausbrüchen leidenschaftlicher Nähe, die jede Distanz schwinden läßt, und sich in expressivem malerischen Gestus äußert, in farbschwelgender Tonalität, wie es die Gouachen zeigen, von denen viele direkt vor der Natur entstehen. Gezügelte Nähe, gebändigt in rauschhafter Fülle. In der Natur kann sich der Künstler aufladen, den Blick schweifen lassen wie begrenzen, sich befreien wie unter formalen Druck setzen, es ist zu spüren. Die Malereien auf Leinwand sind suchender, gebauter, abstrakter. Sie leben einen eigenen Farb- und Formkanon aus, wie eine Art Parallelwelt, aus der wirklichen transponiert, nun einem anderen Maß gehorchend. Irritierend wechseln hier Nähen mit Fernen, überlagern sich Formen zu Strukturen. Es gibt organisch Wucherndes, miteinander Verwobenes, neben Senkrechten und Waagerechten, die sich vorhangähnlich zu Netzen und Lineaturen schließen. Oft ist kaum auszumachen, ob die organisch wuchernden Formen die festeren Strukturen zerstören oder von diesen eingedämmt, überlagert werden. Auch scheinen manche der Malereien wie vom Blick auf einen Monitor bestimmt, hier allerdings zu mutwilliger Bildstörung verkehrt, die banalen täglichen Meldungen überschrieben mit eigenwillig fremder Nachricht, daran erinnernd, daß es noch anderes gibt als Superstars und Millionengewinne, größere Zusammenhänge, denen auch wir gehorchen, in die wir eingebunden sind.

Die Oberflächen der Bilder sind entsprechend spröde, ohne gefällige Glätte, eher erdig, überraschen sie durch ungewöhnliche Farbkombinationen, heftige Kontrast wie sanft verwischte Übergänge, immer häufiger gemessen am Schwarz.

Die Ausstellung eine Wanderung, Wanderung im Grenzland. Zwei Werke begegnen sich, berühren sich, ergänzen sich, um sich wieder voneinander abzustoßen. Jedes eine eigene Welt, in der auch wir uns finden können, nachzufragen nach uns.
©Ina Gille

 

 

Eine Begegnung im Inneren
Christine D. Hölzig


Eurydike träumt. Einen ausgedehnten Traum. Sieben Blätter lang lässt die Malerin Caroline Kober eine junge Frau und einen jungen Mann miteinander oder besser nebeneinander agieren. In unbestimmten Landschaften, die vielleicht die Weiten des Weltalls, ferne Gegenden oder Höhlen und vielleicht Orpheus' Unterwelt darstellen.

Die noch bis zum 3. April in der Galerie Hotel Leipziger Hof zu sehen sind. "Wanderung" heißt die Schau.
Und die führt in imaginäre, suggestive Welten, intuitiv aus zarten Farbschichten geschaffen. Die mit feinem Pinsel umrissförmig hinein gezeichneten Figuren sind Träger von Stimmungen. Das ist bisweilen bezaubernd, geht vor allem emotional nahe. Hoffnung, Erwartung aber auch Verlorensein stehen zwischen dem Paar. Hier geht es um mehr, als den Mythos des thrakischen Königssohnes. Das Thema: "So verlierst du mich aus übergroßer Liebe" wird nicht nur aus heroisch männlicher Sicht befragt. Ganz gegenwärtig thematisiert die Leipzigerin Liebesbeziehungen, Individualität und Sehnsucht nach Geborgenheit.
Dem stellt der Maler Henrik Pillwitz ganz andere Landschaften gegenüber. Ebenso wie Kober ist er in Leipzig geboren, hat wie sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Doch in seinen Bildszenerien dringt er in die Welt der Strukturen vor, der Mikroorganismen, zu dem, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Seine "Segmente", "Siele" und "doors" sind getragen von einer expressiven Farbwelt und -oberfläche. Neben großen Gemälden stehen kleine Papierarbeiten, häufig Serien, die er draußen, im Freien, malt. Lebendigkeit und Kraft strahlen sie aus, als hätte der Maler die Energie der Natur direkt in seine Bilder gelenkt. Im Atelier bearbeitet er diese Empfindungen, wird frei zum Ausleben einer Imagination zwischen beseeltem Naturleben, spielerischer Abstraktion und tiefgründiger Neuformulierung von Landschaften auch innerer Befindlichkeit.
Caroline Kober und Henrik Pillwitz: zwei Wirklichkeiten scheinbar, eine weite Wanderung. Doch schließen sich beide starke Positionen am Ende zusammen. Man gelangt ins Innere.

© Leipziger Volkszeitung vom Sonntag, 13. Februar 2005

 

 

Kunst ungenierter Nähe
Meinhard Michael

Bei allen Erweiterungen der Kunst und ausgreifenden Medien, derer sich Künstler bedienen, geht es wie eh und je um Intensität: Kunstwerke müssen wirken. Je mehr sie es tun, desto besser sind sie. Gewiss entsprechen cool oder nur distanziert vorgetragene Werke und Operationen eher dem Zeitgeist. Gewiss können auch sie Grandioses bewirken. Der Königsweg der Kunst aber ist das nicht. Der heißt Emotion.

Caroline Kober wurde 1962 in einer Familie von Künstlern geboren. Sie lernte zunächst Schriftsetzerin, ehe sich das Malereistudium bei Dietrich Burger, Volker Stelzmann und Arno Rink anschloss. Als sie 1986 das Diplom machte, war ihre Tochter knapp fünf, sie selbst 24 Jahre alt und hatte im Grunde zum einfachsten und schwerwiegendsten Thema gefunden, zu dem Kunst nötigt: die Gefühlswelt eines Menschen, der unter anderen Menschen lebt, mit ihnen oder allein ist, geliebt oder gelitten.
Umarmung des eigenen Körpers
Zunächst waren es Paare. Die Kober wandelte die Schulneigung zu räumlichen Gesellungen umgehend, noch Ende der 80er Jahre, ab. Nie mehr als zwei, drei Gestalten hantieren vor sich hin, die Künstlerin ist eine davon. Sie hält sich an die Fläche des Blattes und überspannt es mit ausgreifenden Linien der Arme und Beine ihrer Darsteller. Große Bögen beschreiben Umarmungen des eigenen Körpers. Der Bedarf der Form dehnt die Gliedmaßen erbarmungslos. Die Härte eines Ellbogens kann die Form bestimmen.
Seitdem hat Caroline Kober vier, fünf Etappen beschritten, in denen die Formen und Stimmungen sich verschoben. Sie macht nur, was sie muss. Hier trifft die Formulierung zu: Selten verschränken sich biographische und künstlerische Entwicklung so intensiv. Das kann unangenehm sein. Sie hat sich dran gewöhnt: "Wenn du ein Bild machst, ist es so, dass du dich gleich nackt dazu auf den Tisch legen kannst. Also bei mir ist es so. Früher war mir das unangenehm, jetzt habe ich mich daran gewöhnt."
Anfang der 90er hat sie den Halt verloren, den die ausgespannten Linien geben sollten. Die Figuren werden kleiner und taumeln in dunklen Gründen. Schlierige Tentakel sind die Halteseile, kokonhafte Verpuppungen die Verstecke. Das Philipp-Morris-Stipendium 1994 mit einem halben so einsamen wie konzentrierten Jahr im Moritzburger Schloss forcierte diese Etappe. Zum einen erhöht die Malerin die eigene Anwesenheit im Bild, drückt beglaubigend die Hände in dünne Wolken aus Sepia und Braun, aus dem Kobaltblau der Versunkenheit. Zum anderen geht sie einen Schritt zurück von der eigenen Präsenz im Bild. Schablonenformen, tierartige, lemurenhafte Wesen, müssen sich in strömenden, tropfenden Bahnen zurecht finden.
Extreme Kunst jeder Couleur hat es schwer. In Zeiten, wo bei Strafe des Abstiegs auf soziale Distinktion geachtet wird, die Augen wachsam nach unten gerichtet, gehören radikale Offenheit und schonungslose Ehrlichkeit nicht zum taktischen Repertoire. Das hat Folgen für die Mentalitäten. Kunst, die nahe geht, wirkt ungeniert. Im Kunstbetrieb hatte die Kober wenig Chancen, vier der letzten Jahre schlug sie sich dank ABM-Stellen durch. Und gleichwohl sie seit kurzem mit der Galerie Quartier (sporadisch an wechselnden Orten) zusammenarbeitet, kann sie auch jetzt von ihrer Kunst nicht leben.
Viele Künstler bändigen in ihrer Arbeit ihre Gefühlswelt, mehr oder weniger verstellt. Caroline Kober zeichnet aus, wie direkt sie sich in Kobaltblau und Ultramarin, in Farbknäuel und Gestaltverletzung ausschreibt. Das ist keine Gefühlsduselei, sondern macht die Unmittelbarkeit eines Erlebens für Kunst produktiv. Sie zielt auf den formal gültigen Ausdruck elementarer Gefühle. Ihre Kraft- und Schwachfelder gewinnen als bildliche "Seelenräume" Eigenleben. Überwiegend spiegeln sie Defizite. Nur ab und an bricht da Jubel durch.
Verfeinerter Ausdruckswert
Kober arbeitet in Serien, in denen jedes Blatt einzeln steht. Seit drei, vier Jahren hat sie wieder zwei Figuren, zunächst nur die Köpfe, dann in zarten, jugendlichen Umrissen, auf je einer Zeichnung zusammengestellt. Als "Eurydikes Traum" imaginiert die Serie wieder das "Nicht zu einander kommen können" (Kober) als ewige, nur in der Gewöhnung zu ertragene und im Überschwang überwindbare Prägung des Menschen. Die psychischen Aktiva dieser Blätter entstehen im Wesentlichen aus dem höchst verfeinerten Ausdruckswert der sparsamen Gesten, mit der bemerkbaren Entfernung der Figuren voneinander - sowie aus den Farbwerten. Die nun lichten, pastellenen und sogar goldenen Farbkräusel tauchen die Duos sogar in feierliche Stimmungen. Die Serie, wieder näher bei den Anfängen, setzt in abermals neuer Stilvariante fort, was sie seit jeher umtreibt. In jeder Phase gelang ihr Außergewöhnliches, ein untrügliches Zeichen für den Rang einer Künstlerin.
Meinhard Michael

© Leipziger Volkszeitung vom Sonnabend, 11. Juni 2005

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